Franz Kafka. Das urteil -
14 >
hast, mir das Schreibzeug wegzunehmen. Darum kommt er schon seit Jahren
nicht, er wei? ja alles hundertmal besser als du selbst, deine Briefe
zerknullt er ungelesen in der linken Hand, wahrend er in der rechten meine
Briefe zum Lesen sich vorhalt!"
Seinen Arm schwang er vor Begeisterung uber dem Kopf. "Er wei? alles
tausendmal besser!" rief er.
"Zehntausendmal!" sagte Georg, um den Vater zu verlachen, aber noch in
seinem Munde bekam das Wort einen todernsten Klang.
"Seit Jahren passe ich schon auf, da? du mit dieser Frage kamest!
Glaubst du, mich kummert etwas anderes? Glaubst du, ich lese Zeitungen? Da!"
und er warf Georg ein Zeitungsblatt, das irgendwie mit ins Bett getragen
worden war, zu. Eine alte Zeitung, mit einem Georg schon ganz unbekannten
Namen.
"Wie lange hast du gezogert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter
mu?te sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht
zugrunde in seinem Ru?land, schon vor drei Jahren war er gelb zum Wegwerfen,
und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafur hast du doch Augen!"
"Du hast mir also aufgelauert!" rief Georg.
Mitleidig sagte der Vater nebenbei: "Das wolltest du wahrscheinlich
fruher sagen. Jetzt pa?t es ja gar nicht mehr."
Und lauter: "Jetzt wei?t du also, was es noch au?er dir gab, bisher
wu?test du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber
noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! - Und darum wisse: Ich
verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!"
Georg fuhlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater
hinter ihm aufs Bett sturzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der
Treppe, uber deren Stufen er wie uber eine schiefe Flache eilte,
uberrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war, hinaufzugehen, um die
